I hate



Malu* hat ein Hassproblem. Sie hasst zu viel und auf ungute Art. Katia Huber geht den Ursachen auf den Grund.

*Name von der Redaktion geändert.

 


Katia: Wir kennen uns ja nun eine Weile. Bald 5 Jahre. Du bist mir eine wahnsinnig wichtige Freundin geworden, der ich alles anvertrauen kann. Wir haben noch nie wirklich gestritten. Und dennoch habe dich schon in ziemlich extremen Situationen, habe schon viele deiner Wutausbrüche erlebt. Du hast deinen Ex im Red Cat an den Haaren gehalten, ihm auf dem Campus eine geballert. Du hast geweint und gebrodelt und bist wutentbrannt im Kreis gelaufen. Du hast vor mir noch nie geschrien, aber du warst schon so oft voll-kommen aufgelöst und nicht mehr zu rationalen Handlungen fähig. Du sollst Dinge gesagt haben wie: „Er ist für mich gestorben.“ „Sie ist einfach ein schlechter Mensch.” „Ich wünsche mir, dass ihm irgendwas Schlimmes zustößt”. 


Malu: Ohja, das stimmt.


Das hast du so gesagt?

 

Ja, ich finde, das sollte so sein.


Das Gefühl von Hass ist dir also gut vertraut?

 

Hm... ja, es ist ein ziemlich starkes Gefühl und es ist in mir drin. Und es ist ein Gefühl, das mich auch weitestgehend lenkt oder beeinträchtigt. Dass mich auch lähmt. Also weißt du, was ich meine? Dass man davon gelenkt wird, ohne noch wirklich bewusst über seinen Geist zu herrschen. Es ist, als würde der Teufel in dich fahren.


Du kennst das gut und…

 

ja!


... hast es schon… 

 

Ja, oft. 


… erlebt. Was ist Hass? Beschreibe dieses Gefühl bitte ganz genau.

 

Es ist , als würde man übermannt werden... von dem Gefühl, dass dann das ganze soziale

moralische Verhalten ausgeknipst wird... in deinem Kopf. Dass man nur noch oder Emotionen hat, böswillige oder negative, die man nach Außen tragen möchte. Wenn man das nicht nach Außen trägt, das man dann das Gefühl hat explodieren zu müssen.


Krass. Würdest du sagen, du hasst aussergewöhnlich viel oder oft, also öfter als andere Menschen?

 

Ich kann zum Beispiel nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die nicht oft hassen oder wenig hassen.


Das ist nicht verständlich für dich?

 

Nee, weil wenn man etwas nicht mag oder wenn man in seinem Wesen verletzt wird, dann entwickeln sich bei mir… dann entwickeln sich bei mir diese Hass-Gefühle. Weil dann stimmt ja etwas nicht und... und das... das untergräbt ja sozusagen mein... mein Dasein, meine Existenz. Ich weiß nicht, wie es sein kann, dass andere Menschen das nicht fühlen.


Ok.

 

Weil... ich finde, ich werde dann angegriffen und bin dann in meinem “Ich” verletzt. Das geht ja nicht, weil ich finde: Jeder hat ja eine gewisse Würde, die nicht verletzt werden sollte. Man sollte mit jedem Menschen respektvoll umgehen. Und wenn das nicht der Fall ist, dann hasse ich das, was passiert. Das Verhalten eines Menchen. Oder die Umstände … die hasse ich dann einfach.


Die Umstände... also es gibt dann keine konkrete Person dafür?

 

Genau! Man kann nicht immer jemanden dafür verantwortlich machen, aber es gibt immer irgendwas, das man dafür verantwortlich machen kann. Es muss nicht unbedingt eine Person sein, es kann auch eine Sache sein. Ein Ding.


Ok. Dannn habe ich dazu die nächste Frage für dich. Ab wann ist es für dich Hass?

 

(Lange Pause) (schweres Atmen) Ab wann ist es Hass für mich... Wann hasse ich... Also wenn mir etwa Negatives wiederfährt, etwas Böses, mit dem ich nicht gerechnet habe. 

Und das gegen meine Person gerichtet ist... Wenn ich verletzt werde!


Wenn es wirklich absichtlich, persönlich gegen dich gemeint ist.

 

Es muss noch nicht mal absichtlich sein, es kann auch unabsichtlich sein.


Dann kannst auch hassen, wenn es unabsichtlich war?

 

Ja, ja. Wo ich dann denke... man müsste darüber nochmal nachdenken. Vielleicht eine Entschuldigung erwarten oder sowas. Oder wenigstens drüber sprechen um zu erklären, hier... das geht so nicht.


Wen hasst du denn?

 

Naja schwierig, also eigentlich hasse ich ja nicht die Menschen an sich, sondern immer nur Teile davon. Das Verhalten! Nicht den gesamten Menschen. Sondern etwas, das er getan hat oder was er denkt oder wie er fühlt. Ich denke dann “Wie kann man nur, das geht mir nicht in den Kopf rein.”


Gib es auch Momente, in denen du so wütend bist und voller Hass, dass du die komplette Person an sich hasst? Und sie dir zuwieder ist, in ihrem gesamten Sein?

 

Ja... das ist dann aber eine Trotzphase, die nicht lange anhält. In der ich dann denke: “Dieser Mensch gehört echt auf den Mond geschossen.”

[Beide Lachen]

Weit weg von dieser Erde. Er soll hier nicht existieren und schon gar nicht in meinem Lebensbereich.


Würdest du einen konkreten Namen nennen? Für den du im Moment Hass empfindest?

 

(schweres Atmen) Also für eine bestimmte Person empfinde ich jetzt keinen Hass. Es ist nur das Verhalten, das mich sehr stört, an einem Freund...


An welchem?

 

Ja am Exfreund…

(weint)

… was halt nicht wieder gut zu machen ist.


Was hasst du denn an ihm?

 

Ja, ich finde... Man sollte Menschen eben mit Respekt behandeln. Und wenn man das nicht kann, dann muss das eben sagen und dann sollte man den Kontakt meiden. Weil es kann nicht sein, dass ein Mensch schlecht behandelt wird... dann muss man sich halt aus dem Weg gehen. Man kann Menschen doch nicht einfach benutzen!


Also es ist die Tatsache, dass du dich benutzt gefühlt hast, dass er sich respeklos verhalten hat.

 

[Taschentücher wurden gefunden]

Wie war die Frage nochmal?

[Beide Lachen]


Die Frage war: Was hasst du an ihm?

 

Achso, ja. Dass er so vollkommen andere Moralvorstellungen hatte. Was an sich ja auch ok ist. Es wäre nur schön, wenn er es früher gesehen hätte.


Als Kontrast dazu… was hast du an ihm geliebt?

 

Also am Anfang war ja alles noch ganz anders. Da war er offen und ging auf mich zu. Wir haben uns seelenverwandt gefühlt. Und irgendwann hat er sich zurückgezogen und mich damit natürlich verletzt, einfach weil ich keine Aufmerksamkeit mehr bekommen habe. Also ich liebte dieses Gefühl von Seelenverwandtschaft und ich liebte ihn dafür, dass er mich geliebt hatte. Irgendwann haben wir nicht mehr in eine Richtung geblickt. Wir sind dann nicht mehr auf einem Weg gelaufen, sondern irgendwie in zwei verschiedene Richtungen. Und da gibt es natürlich viele Konfrontationen und Diskussionen… weil man nicht mehr das selbe Denken hat. Wir haben irgendwann gegeneinander gearbeitet. Und

dann hat mich irgendwann der Mut und die Vertrautheit verlassen, und das ist dann wie Gift, das in einen fährt.

(Kampf mit den Tränen)


Was würdest du sagen, wen liebst du gerade?

 

Niemanden.


Niemanden?

 

Nö.


Ok. Keiner da, der dir ein sicheres Gefühl gibt? Oder bedingungslose Liebe, bei der du sagen würdest:

“Da kann kommen, was mag, die bleibt.”

 

Ja. meine Eltern sind halt immer für mich da.


Hmm. Dann würde ich gerne noch wissen. Was ist das Schlimmste, das du getan hast, als der Hass in dich gefahren war?

 

Puh. Das Schlimmste... naja jedenfalls habe ich nie Sachbeschädigung begangen.


(lacht) Das ist schonmal gut.

 

(lacht) Ich hab noch nie jemanden verhauen oder geschlagen. Es gab vielleicht mal eine Ohrfeige, das war’s.


Daran erinnere ich mich noch... auf dem Campus. Gab’s eine Klatsche oder mehere?

 

Eine. Die hat gereicht, da ist die Brille geflogen.

[Beide lachen laut]

Jaja. Nee, das Schlimmste... hm das Schlimmste ist, dass ich mich noch lange von dem Hassgefühl leiten lasse. Und dass es in mir ist und ich dadurch gar nicht leben kann, weil ich dann eine sehr sehr lange Phase in diesem Hassgefühl erlebe. Dann will ich Dinge aufdecken oder recherchieren, irgendwie noch was herausfinden, damit ich damit abschließen kann.


Ich erinnere mich an einiger solcher Recherchen.

 

Das Schlimmste ist einfach, dass ich noch Zeit hinein investiere. Das ist einfach schlimm. Es ist verlorene Lebenszeit. Es ändert ja doch nichts.

(weint)


Würdest du sagen, dass der Hass dein Leben sehr geprägt hat?

 

Ja. Würd ich schon sagen, dass ich da… (lange Pause) ..ehm... sehr sensibel geworden bin. Und nicht mehr so schnell Dinge an mich heran lasse.


Bist du den Menschen gegenüber generell distanzierter geworden?

 

Genau. Ja. Ich bin halt sehr kalt... (lautes Atmen) und zurückhaltend. Bei mir sind`s immer so Extreme. Entweder bin ich sehr aufbrausend, offen und extrovertiert. Wenn ich aber merke, dass ich verletzt werden könnte, schließe ich mich komplett ein. Dann bin ich total ruhig, introvertiert… emotionslos.


Das kommt von den Hassgefühlen und den negativen Dingen, die du im Leben bereits erlebt hast? Als Schutz? Wenn man stark liebt, kann man ja auch stark verletzt werden.

 

Genau. Das Stimmt. Man weiß nie, ob das auch zurück kommt.