Fremdenfreundlich


4-Augengespräche mit Flüchtlingen. Geführt von Enise Bas.

 

NR. 1  M.A., aus dem Jemen

 

M.A. kommt aus Jemen (Vorderasien) und ist 24 Jahre alt. Wir trafen uns in Frankfurt, an einem regnerischen Tag, ich hatte meinen Schirm vergessen, durfte mich unter ihren stellen. Gemeinsam liefen wir zunächst durch die Straßen, ich führte sie dann in ein Café, das ich kannte und für seine schöne, warme Atmosphäre schätze.  M. A. bestellte sich eine Art Cappuccino und ich mir einen Kaffee. 

 

Wie findest du es eigentlich, dass es hier in deiner Gegend keine Läden gibt, die Sachen aus deinem Heimatland verkaufen?


M.A.: Klar ist es schade, aber es gibt nichts besonderes wie bei euch, wo es spezielle Sachen gibt, die als jemenitische Spezialitäten verkauft werden können. Restaurant mäßig weiß ich nicht, ob es so etwas gibt. Ist mir nicht bekannt. 

 

Wie alt warst du, als du vom Jemen hierher nach Deutschland kamst?


M. A.: Fünf oder sechs.

 

 Du hast aber nicht direkt mit der Schule hier angefangen, oder?


M. A.: Nein, das war so. Die ersten zwei Tage waren wir bei meinem Onkel. Der Onkel war schon vor uns hergekommen, und wir waren zwei Tage bei ihm. Dann mussten wir uns wieder bei den Behörden melden. Dort wurden die formellen Sachen aufgenommen. Das war damals in Schwalbach. Dort blieben wir für eine kurze Zeit. Ich glaube, für eine Woche. Und dort haben wir auch Verpflegung bekommen. Es ist nicht so, dass man ausgesetzt wird. Man hatte ein Bett, Nahrung usw. Und wir durften uns nur innerhalb des Gebäudes bewegen. Nach einer Woche wurden wir woanders hin gebracht. Darmstadt. Dort gab es ein Lager und da blieben wir länger. Wir bekamen ein Zimmer. Meine Eltern, mein Bruder und ich. 

 

Gibt es etwas, was du von damals überhaupt nicht vergessen kannst?


M. A.: Positiv oder negativ? 

 

Beides.


M.A.: An was ich mich am besten erinnern kann, sind die Spaziergänge am Nachmittag im Lager. Mit kleinen Gruppen sind wir immer spazieren gegangen und haben Haselnüsse gesammelt. Daran kann ich mich sehr gut erinnern.

 

Kannst du dich an deine Ankunft erinnern?


M. A.: Bei der Ankunft hatte ich ein weißes Kleid und eine weiße Strumpfhose an. Ich war die Prinzessin meiner Eltern ich hatte immer Kleider an. (lacht)


Was fiel dir damals besonders schwer?


M.A.: Ich denke mal: die Sprache. Wenn die Leute um dich herum eine andere Sprache sprechen und du sie nicht verstehst.

 

Gibt es immer noch Schwierigkeiten?


M.A.: Mit der Sprache nicht. Du meinst jetzt allgemein, oder?

 

Genau.


M.A. Es ist jetzt nicht so, dass ich wegen meiner Religion oder Herkunft in der Öffentlichkeit abgestoßen werde. Aber es ist so, dass man oft angeschaut wird. Vor allem wenn wieder über „Islamisten“ gesprochen wird. Oder ein Anschlag war.


Dann schauen sie einen so an, als hätte man etwas in der Tasche.


Wo es mir besonders aufgefallen ist, war dieser Vorfall mit Charlie Hebdo. Meine Mutter, meine Schwester und ich wollten in die Stadt und saßen im Bus, und die haben uns dort wirklich blöd angeguckt. Das war noch nie so. Ich meine es ist normal, wenn meine Mutter, Schwester und ich irgendwo vorbei kommen mit Kopftüchern. Klar guckt man da, aber dort im Bus, wir waren da zu dritt und es war so, dass uns alle beobachtet haben, als wir rausgegangen sind. Meine Schwester und ich haben uns darüber lustig gemacht und einfach nur gelacht.

 

Du studierst...?


M.A.: Medizinische Informatik

 

Gibt es diesen Beruf auch in Jemen?


M.A.: Das weiß ich leider nicht. Es gibt viel mit Medizintechnik und Medizin allgemein.

 

Und was war in deiner Kindheit dein Traumberuf?


M.A.: Archäologin

 

Normalerweise ist es immer Arzt, Lehrer.


M.A.: Nein, ich wollte Archäologin werden. Ich liebe Geschichte und alte Sachen. Das hat mich immer fasziniert. Später, vielleicht ab der 10. Klasse, wollte ich Modedesign oder Innenarchitektur studieren.

Aber für Innenarchitektur braucht man eine Mappe. Ich bin zwar kreativ, aber ich wusste nie, wo ich anfangen soll und was ich machen sollte.

 

Hast du hier überhaupt jemenitische Freunde?


M.A.: Überhaupt nicht. Ich kenne nur meine Familie. Es gibt jemenitische Familien hier, aber das sind junge Eltern mit kleinen Kindern. Es gibt eine Familie die hat Töchter, mit denen haben wir aber kein Kontakt. 

Ich würde gerne meine Familie hier haben. Als wir mal dort im Jemen waren, war das so schön. Man frühstückt zusammen. Mittags haben sich manche schlafen gelegt, vor allem ältere. Dann war die Vorbereitung für den Nachmittag. Man hat sich schön angezogen. Mit Weihrauch. Viel Besuch.

 

Mit Weihrauch meinst du Räucherstäbchen, oder?


M.A.: Das ist mit Kohle. Wie bei der Shisha. Die werden heiß gemacht. Weihrauch gibt es in verschiedenen Duftsorten.

 

 

Du hast gesagt, das ihr euch Mittags/Nachmittags schön anzieht und euch dann trefft. Habt ihr dann auch Tee getrunken?


M.A.: Ja.

 

Das erinnert mich an dieses typisch Englische. Früher hat man sich um die Mittagszeit für den Tee nochmal umgezogen


M.A.: Das ist nur unter Frauen so. Sie wollen gleichzeitig zeigen wie hübsch sie sind und was sie alles besitzen. Die Verheirateten tragen alle ihre schönen Kleider. Vor allem traditionelle. Und all ihren Goldschmuck, Halsketten, Ringe, Ohrringe und besonders Armreife. 

 

Können sich das alle Familien leisten?


M.A.: Nein. Aber das ist die Brautgabe. Der Mann kümmert sich darum. Er gibt das Geld, und die Braut soll sich dann damit Sachen besorgen. Das ist dann nicht nur Schmuck. Auch Kleidung und ähnliches. 

Daran, was die Frau trägt, erkennt man, wie wohlhabend sie ist.

Die Unverheirateten sind auch zum Tee dort. Fein angezogen, aber nicht so auffällig wie die verheirateten. 

 

Das ist komisch. Bei uns in der Türkei ist es andersherum. Die Unverheirateten sind viel auffälliger angezogen und geschminkt als die Verheirateten.


M.A.: Bei uns ist es so, das man dich eher unauffällig verhältt, um zu zeigen wie, ruhig und brav man ist. 

 

Fühlen sich die Leute, die wenig haben benachteiligt gegenüber denen, die mehr haben?


M.A.: Nein, glaub ich nicht. Wenn du im Dorf wohnst, weiß jeder, wer was hat. Und da kann man nichts machen. Da braucht man nicht drüber zu reden. Es würde sich sowieso nichts ändern. 

Man ist mit dem, was man hat, zufrieden. 

 

 Du studierst jetzt hier und du möchtest später auch hier arbeiten, stimmt's?


M.A.: Ja. Aber ich habe mich schon darauf eingestellt, wenn ich mich bewerbe, dass es nicht auf Anhieb klappen wird. Ich muss zugeben, dass ich nicht so viel Berufserfahrung habe. Es gibt jetzt auch nicht sehr viele Möglichkeiten in dieser Richtung. Z.B. im Einzelhandel habe ich mich beworben. Die haben gesagt, dass sie mich nehmen würden, aber dass ich dann das Kopftuch  abnehmen müsste, weil das sozusagen die Kunden abschrecken würde. 

 

 Und das haben sie dir direkt so gesagt?


M.A.: Ja, genau. Praktikas für zwei Wochen oder so durfte ich machen, das war in den meisten Fällen in Ordnung. Dann aber auch nur im Einzelhandel und im Kindergarten.

 

Wenn du die gleichen Chancen, die du hier hast, auch in deinem Heimatland hättest, würdest du dann zurück?


M.A.: Da ich weiß, das ich diese Chance nicht haben werde, eher nicht. 

Wenn du in einem Dorf wohnst, da hast du automatisch keine Chance. Dort bist du eine Hausfrau. Es gibt in Dörfern keine Schulen mit höheren Abschlüssen. In der Stadt kommt es auf die Eltern an. Wenn die Eltern sagen: Bilde dich weiter, dann kann man weiter zur Schule und sich bei Universitäten einschreiben und später den Beruf, den man erlernt hat, ausüben.

 

Und was wäre, wenn du dort leben würdest. Würden dann deine Eltern wie hier sagen, dass du dich weiterbilden sollst?


M.A.: Wir kommen wie gesagt aus dem Dorf. Eine Cousine, die dort lebt, ist so alt wie ich und ist schon verheiratet und hat Kinder. Ich denke, ich hätte da keine Alternative.  In der Stadt wäre das anders. In der Stadt habe ich auch eine Cousine, die hat studiert und ist jetzt Zahnärztin.

 

Also findest du es gut, dass du hier dich weiterbilden kannst und diese Chance überhaupt hast.


M.A.: Ich finde das gehört sich so. Wir müssen auch zeigen, dass die typischen Vorurteile nicht stimmen. Man denkt immer, dass wir Frauen unterdrückt werden und nicht arbeiten dürfen. Damit beweist man auch, das dies nicht stimmt. Und außerdem könnte ich nicht die ganze Zeit zu Hause sitzen. 

 

Erzähl den Deutschen mal etwas über Jemen.


M.A.: Zuerst: Jemen liegt an der Grenze von Asien, die Nachbarländer sind Oman und Saudi-Arabien. Jemen an sich ist ein armes Land, sollte ursprünglich auch zu Katar, Kuwait und so gehören, Jemen wollte aber damals nicht. Jetzt, wo Jemen dazugehören möchte, wollen es die anderen nicht.  Wie gesagt, Jemen ist arm, aber wir Jemeniten sind gastfreundlich. Wenn ein Gast kommt, wird natürlich viel gekocht. Da wird gleich ein Lamm geschlachtet, auch wenn es nur 2 Gäste sind.

Jemen hat sehr viele Sehenswürdigkeiten, von denen einige im Koran erwähnt werden. Wir haben einen schönen Strand. Wir haben schöne Gebäude. Hauptsächlich in Sandfarbe. Die Atmosphäre ist sehr schön. Wenn bei uns zum

Gebet gerufen wird, gehen die Männer zur Moschee und lassen dabei ihre Läden und Stände einfach offen. Denn sie wissen, dass zu der Zeit niemand etwas klauen würde. Wenn man durch die Straßen läuft, riecht man von überall den Weihrauch oder die Gewürze. Und bei uns ist man bis in die Nacht wach.

 

Wo treffen sich die Männer? In Cafés?


M.A.: Ja, in Cafés oder in den Läden, in denen sie arbeiten. Aber auch zu Hause im Wohnzimmer. Das Wohnzimmer ist der ganze Stolz des Mannes. Die werden schön eingerichtet, mit Sofas auf dem Boden.

 

Die sehen aus wie Sitzkissen, stimmt's?


M.A.: Genau. Über den Fenstern ist Stuck mit Barockähnlichen Verzierungen. Die Gardinen sind dementsprechend angepasst. Wenn man in das Wohnzimmer geht, bemerkt man, wie sehr sich der Mann damit beschäftigt hat. 

 

 Aber häufig ist es doch die Frau, die sich um die Einrichtung im Haus kümmert.


M.A.: Nicht wirklich. Dort hat die Frau z. B. das Schlafzimmer, dass sie besonders herrichtet. Und das Wohnzimmer ist für den Mann. Er sucht sich die Einrichtung aus. Und je größer das Wohnzimmer, desto angesehener ist er bei den anderen Männern. Dort treffen sich die Männer nachmittags. Jeder bringt sein Qat mit.

 

Qat? Was ist das genau?


M.A.: Das sind grüne Blätter. Hier in Deutschland gelten sie als Droge. Im Jemen nicht. Also dort bringt jeder sein Bündel mit. Und der Gastgeber serviert dann Tee oder Kaffee. Aber nicht den normalen Kaffee, sondern arabischen Kaffee.

 

Gemahlener Kaffee, stimmt's?


M.A.: Ja. Und man gibt noch Weizen, Ingwer und Kardamom dazu.

 

Also Kaffee mit viel Gewürzen. Kommt da auch Zucker dazu?


M.A.: Kann man dazu geben wenn man möchte. Man trinkt es aber meistens ohne. Es ist nämlich eher ein erfrischendes Getränk. Normalerweise trinken das ältere Leute, aber mittlerweile trinken es auch junge Leute. Ich auch. 

 

Hast du mal türkischen Kaffee getrunken?


M.A.: Diesen dickflüssigen? Nein. Aber unser Kaffee ist gar nicht so. Der ist klar.

(Sie zeigt mir ein Foto aus dem Internet, wo Männer mit dicken Wangen in einer Runde sitzen und Qat kauen.)

Man schluckt das nicht runter, sondern man sammelt das in der Wange und es schmeckt bitter, deshalb haben sie auch oft süße Getränke bei sich, mit dem sie den bitteren Geschmack herunterschlucken. Oder Tee mit viel Zucker.  Ich finde es schlimm. 

 

Das betäubt die doch. Wie können sie dann noch miteinander reden?


M.A.: Nein, das betäubt nicht. Das ist wie Koffein. Das hält wach. Und außerdem sind ja Drogen im Islam nicht erlaubt. Ich finde es schlimm, dass jetzt auch mittlerweile ganz kleine Kinder das kauen. Man sieht kleine Jungs, die mit ihrem Bündel herumlaufen und kauen. In Jemen ist es auch nicht so streng mit den Gesetzen. Da fahren auch elf jährige Auto. Das ist ja dann richtig chaotisch.

 

 Du hast es teilweise schon angesprochen. Was sind deine Lieblingsgerichte oder Getränke aus deinem Heimatland? Kocht ihr sie auch hier?


M.A.: Ja, wir machen auch alle hier. Üblich bei uns ist Reis. Aber nicht das normale, sonder Basmati-Reis. Zu besonderen Anlässen macht man noch Rosinen oder Mandeln dazu. Dann gibt es eine Suppe, Lamm-Suppe. Und zwar wird das Lammfleisch im Wasser in einem Topf gekocht und das dauert ziemlich lange. Ungefähr 2 Stunden. Dann wird es noch gewürzt. z.B. mit Nelken, Kardamom und anderem. Richtig lecker.

 

Also ihr vewendet sehr viel Gewürze. So wie die Afghanen, Inder.


M.A.: Ja genau.

 

Aber durch die Gewürze schmeckt man doch das Eigentliche nicht, oder?


M.A.: Nein, so schlimm ist das nicht. Wir übertreiben nicht. Man schmeckt es noch. Dann machen wir gern noch Eintopf. Mit Kartoffeln, Karotten und diversen anderen Gemüsesorten. Und natürlich mit Gewürzen. Zum Frühstück essen wir gerne Warmes. Nicht so wie hier mit Brötchen, Käse usw. Es gibt zum Beispiel so etwas wie Brot aus Blätterteig, dass ziemlich aufwendig zubereitet wird. Oder gekochte Bohnen. Diese braunen Bohnen. Und Brot. Das Brot machen wir auch selber. Und auch das hat eine aufwändige Zubereitung, aber es schmeckt. Bei uns ist eigentlich alles aufwändig.

 

Gibt es auch europäische Spezialitäten, die du gerne isst oder trinkst?


M.A.: Den Kaffee. Ich bin jetzt kein Kaffee-Junkie, aber ab und zu diesen normalen und einfachen Kaffee finde ich gut. Auch Nudeln oder Kartoffel-Gerichte. Die mein Vater allerdings nicht mag.  

 

Er will dann das aufwändige. Wobei sich natürlich die Frau um das Essen kümmert...

 

M.A.: ...und er bekommt nicht mit wie anstrengend das ist.

 

 Was machst du in deiner Freizeit?


M.A.:Ich gucke gerne Serien. Vor drei Jahren oder so habe ich eine neue Liebe für mich entdeckt. Und zwar koreanische Serien. 

 

Koreanische Serien werden bei uns im türkischen Fernsehen auch gezeigt. Aber ich schaue das nicht, weil ich die Synchronisation nicht mag. 


M.A.: Ich schaue sie im Internet auf koreanisch mit englischem Untertitel. Und mittlerweile habe ich mich an die koreanische Sprache gewöhnt. Ich mag die Sprache, und einige Sachen verstehe ich mittlerweile auch, weil ich mich daran gewöhnt habe. 

 

Was fehlt dir aus deinem Heimatland überhaupt nicht?


M.A.: Zum Beispiel die Politik. Es gibt keine Demokratie. Die Person, die derzeit in Jemen regiert, will seit 30 Jahren nicht gehen. Und die Infrastruktur ist nicht gut. Und Regeln werden nicht eingehalten. Die Kinder werden zB nicht gezwungen zur Schule zu gehen. Und: Ohne Beziehung bekommst du keinen Job. Es gibt

eigentlich so viele junge, kluge Menschen, die einfach keine Möglichkeit haben sich weiter zu entwickeln. Was mich noch stört ist, dass Frauen dort kaum Rechte haben.

 

Jetzt, wo du seit langem hier lebst, würdest du Deutschland als deine Heimat sehen?


M.A.: Ja schon. Manchmal fühlt man sich aber auch hier fremd oder deutlicher gesagt: Manchmal geben die Deutschen einem das Gefühl. Andererseits, wenn man in sein Heimatland reist, ist man da auch fremd. Dann sagen dort die Leute „Ach ja, die Deutschen“.

 

Was ist für dich typisch deutsch?


M.A.: Pünktlichkeit. Und die Bürokratie. Sobald deine Papiere nicht vollständig sind, kannst du gleich wieder nach Hause.

 

Wie beschreibst du deinen Verwandten Deutschland?


M.A.: Sauber, ordentlich, da hält sich jeder an die Regeln, gute und verschiedene Bildungsmöglichkeiten.

 

Ich danke dir für das Interview.

 

M.A.: Habe ich gern gemacht.