ans opa-eingemachte


Sascha Faleschini will, dass sein Opa und sein Vater endlich mal über ihre Gefühle sprechen. Dafür setzt er Alkohol und Stichwortkarten ein. 

 

 

 

Stichwortkarte NR. 1 "Kindheit"


Opa:

Das ist ein interessanter Punkt, denn ich habe schon wirklich lange nicht mehr darüber nachgedacht. Meine Kindheit verbrachte ich in Hamburg zusammen mit meiner kleinen Schwester. Mein Vater war Maler und meine Mutter Hausfrau, die nebenbei noch einen Fahrradverein leitete. Meine Kindheit wurde durch die Machtübernahme von Hitler geprägt, von der man zum Glück in Hamburg in vielen Teilen nicht zu sehr betroffen war. Wir hatten das Glück in Bamberg zu wohnen und dazu durfte ich auch noch zum italienischen Konsulat um dort unterrichtet zu werden, denn mein Vater hatte immer noch die italienische Staatsbürgerschaft. Ich hatte zu dieser Zeit keine Angst oder sowas, weil wir eigentlich einfach normal weiterleben konnten und man sieht das ganze als Kind ja nochmal anders. Ich war zum Beispiel sehr froh damals auf Geheiß der NSDAP als einer von vielen Italienern nach Berlin gerufen zu werden um, im Rahmen der Olympiade, den Papst zu begrüßen. So etwas vergisst man nicht. Doch als Hamburg kurz vor Kriegsende zerbombt wurde … (er schluckt und starrt auf sein Weinglas) sowas vergisst man noch viel weniger. Bis heute möchte ich mir keine Dokumentationen oder sonstiges über dieses Kapitel der Geschichte anschauen. Ich kann es einfach nicht.


Vater:

(er sieht meinen Opa an, schenkt ihm noch etwas Wein ein) Ich kann mich noch an unsere ersten Urlaube erinnern, die für mich damals wirklich etwas ganz besonderes waren, denn wir hatten eigentlich sonst eher selten Zeit gemeinsam. Die ersten Jahre, nach eurer Flucht, war ich ja bei Oma und Opa untergebracht. Diese Zeit war auf der einen Seite schön, denn meine Großeltern waren immer sehr liebevoll und nahmen sich viel zeit für mich. Jedoch war es auf der anderen Seite auch schwierig, denn ich fragte mich oft „Wo sind meine Eltern?“. Als ich dann mit 5 über die Grenze in Westen geschmuggelt werden sollte, war das wieder so ein Moment. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich mich irgendwie verloren fühlte, denn ich habe all die Jahre zusammen mit meinen Großeltern gewohnt, die immer liebevoll waren um nun plötzlich in einem Auto ins unbekannte gebracht zu werden. Ich hatte angst vor dem was kommt. In Berlin habe ich Euch dann das erste Mal wiedergetroffen. (Mein Vater schmunzelt) Ihr habt mich mit nach Hamburg genommen, wo Ihr zu dieser Zeit lebtet. Die ersten Monate in Hamburg waren nicht so schön für mich, denn ich fühlte mich fremd hier. Meine Großeltern und all meine Freunde im stich gelassen um nun hier zu sein, ohne jegliche Freunde. Am schlimmsten war es für mich durch meinen tühringer Dialekt aufzufallen. Ich wurde oft aufgezogen und gehänselt, nur weil ich einen anderen Dialekt sprach. Ich erinnere mich noch genau daran wie wir in die neue Wohnung gezogen sind. Endlich hatte ich mein eigenes Zimmer. Doch leider musste meine Mutter jeden Tag arbeiten gehen um mitzuhelfen sich dieses Luxus zu sichern. Damals war ich im Kindergarten oft der letzte, der noch einsam am Eingangstor darauf wartete abgeholt zu werden. Da ich damals als untergewichtig galt, wurde ich immer wieder in Kuren geschickt um zuzunehmen. Jedes Mal 4-6 Wochen getrennt von meinen Eltern … ich konnte irgendwie niemals richtig ankommen.


 

Stichwortkarte NR. 2 "Krieg / Nachkriegszeit"


Opa:

(schaut schwermütig) Wir wurden Heimatlos nach der Bombardierung von Hamburg und sollten laut Marschbefehl nach Polen flüchten. Doch mein Vater weigerte sich heftig gegen diesen Befehl und so kam es dazu, dass wir zwar doch nach Polen mussten, aber nach Danzig in eine uns zugewiesen Villa. Irgendwie freute ich mich darauf mal in einer Villa, nur für uns, zu wohnen. Leider musste mein Vater auch hier wieder protestieren, denn als er erfuhr das die Villa der Schwester von Hitler gehörte wollte er keinen Fuss mehr in dieses Haus setzen. Er war wahrlich kein Freund der Nazis. Er beschloss sich, heimlich und gegen jeden Befehl, auf eigene Faust nach Greiz durchzuschlagen, denn dort hatten wir Verwandte. Es war ein beschwerlicher Weg voller Angst was mich erwartet. Angekommen war es endlich mal wieder so ein Gefühl von Sicherheit, das aber häufig durch die Bomber, die über uns hinweg nach Dresden flogen, unterbrochen wurde. Wir waren froh als Greiz von den Amerikanern befreit wurde, jedoch hielt dieses Glück nicht lange an, denn sie traten diesen Sektor an die Russen ab. Unter den Russen bekam ich eine Anstellung im Landkreis und war zuständig für die Jugend. Ich arbeitete im Untergrund gegen die Russen, denn wie mein Vater gegen die Nazis war, so war ich nun gegen das andere Extrem und wollte meinen Teil dazu beitragen. Sie kamen mir auf die schliche und so musste ich mitten in der Nacht über die Grenze in den Westen fliehen. Leider musste ich Frau und Kind zurück lassen, im Ungewissen was mit ihnen passieren wird.


Vater:

Als ich nach Hamburg kam, erinnere ich daran wie neu und beängstigend alles war, denn Hamburg war komplett zerbombt und wir mussten die erste Zeit in einem Behelfsheim wohnen. Es war mir nicht begreiflich wieso ich von meinem zu hause bei meine Großeltern raus musste um in so ein Elend zu kommen. Jedoch haben meine Eltern alles dafür getan um eine eigene Wohnung, das eigene erste Auto und jährliche Urlaube von 4 Wochen möglich zu machen. Was ich damals sehr genossen habe, waren die Ausflüge mit der Schule nach Westberlin, denn ich musste nie mit dem Bus fahren. (er stößt mit meinem Opa an und trinkt einen kräftigen Schluck) Denn ich galt damals offiziell als Flüchtling und musste deshalb immer, auf Kosten des Staates, fliegen.


 

Stichwortkarte NR. 3 "Heimat"


Opa:

Heimat ist ein großer Begriff. Also für mich ist eindeutig der Großraum Hamburg, meine Heimat, denn hier habe ich so einiges Erlebt und bin auch immer wieder auf Umwegen hierher zurück gekehrt. Jedoch habe ich gelernt, dass man seine Heimat schnell verlieren kann und sich die Fähigkeit zu eigen machen sollte, sich überall eine Heimat aufzubauen. Denn Heimat ist normalerweise dort wo auch die Familie ist.


Vater:

Da kann ich nur zustimmen, dass Heimat immer dort ist wo auch die Familie ist. Ich glaube, dass ich das auch so von dir übernommen habe gut für meine Familie zu sorgen und immer zu versuchen, auch wenn man sie mal zurück lassen muss, für sie trotzdem irgendwie da zu sein. Für mich ist jedoch der Ort, den ich als Heimat bezeichnen würde, Greiz. Das Haus von meinen Großeltern, denn hier habe ich immer sehr viel Zuneigung und Liebe erfahren.